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Was wir bisher zum "Fall Lügde" wissen

Hier könnt ihr alles Wichtige rund um den Missbrauchsfall in Lügde nachlesen


Die Vorwürfe

Drei Hauptverdächtige

Verdächtig sind ein Mann aus Lügde (56), ein Mann aus Steinheim (33) und ein Mann aus Stade (48). Die Männer wurden im Dezember 2018 und Anfang Januar 2019 in Lügde und Stade (Niedersachsen) festgenommen. Alle drei sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Darüber hinaus gibt es fünf weitere Verdächtige, die allerdings nicht in Haft sitzen. Die Vorwürfe könnt ihr hier im Detail nachlesen.

Mehr als 1.000 Taten

Der Mann aus Lügde (56) und der Mann aus Steinheim (33) sollen über einen Zeitraum von mindesten zehn Jahren (2008 bis 2018) Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren sexuell missbraucht haben - teilweise schwer. Bislang wissen die Ermittler von mehr als 1.000 einzelnen Taten und 41 Opfern. Die Zahl der Opfer war nach Bekanntwerden des massenhaften Missbrauchs bei der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 von 23 auf jetzt 41 gestiegen (Stand Mai 2019). Die meisten Opfer sind Mädchen. Ein Großteil der Taten soll sich auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen abgespielt haben. 

Daten im Umfang von 14 Terabyte

Nach dem die Ermittlungen ins Rollen kamen, stellten die Ermittler bei ihren Durchsuchungen Daten im Umfang von 14 Terabyte sicher, darunter 13.000 kinderpornografische Dateien. Insgesamt wurden zehn Computer, neun Handys, mehr als 40 Festplatten und mehr als 400 weitere Datenträger beschlagnahmt. 24 IT-Spezialisten in Bielefeld werten aktuell 3,3 Millionen sichergestellte Fotos und mehr als 86.000 Videos aus.

Wahrscheinlich mehr Opfer

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Opferzahl weiter steigen wird, sobald das Kinderporno-Material vollständig ausgewertet ist und weitere Kinder indentifiziert wurden.


Wie die Ermittlungen ins Rollen kamen

Die Ermittler bei der PK am 30.01.2019

Auslöser für die Ermittlungen war im Jahr 2018 der Hinweis auf den Missbrauch eines kleinen Mädchens. Die Sechsjährige ist eine Freundin des Pflegekindes des Hauptverdächtigen aus Lügde. Der entscheidende Hinweis kam von der Mutter der Sechsjährigen.

Schon bei den ersten Anhörungen der Kinder (der Freundin und der Pflegetochter) verdichteten sich laut Polizei und Staatsanwaltschaft die Hinweise darauf, dass sich der 56-Jährige nicht nur an der Freundin, sondern auch an seiner Pflegetochter mehrfach vergangen haben könnte

Er wurde am 6. Dezember 2018 festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Es folgten mehrere Durchsuchungen seiner Behausungen - die Parzelle auf dem Campingplatz und eine Wohnung in Lügde. Bei den Durchsuchungen wurden zahlreiche Datenträger sichergestellt.

"Bei der Auswertung und bei den Anhörungen der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage, die mich und meine Kollegen noch lange nach Dienstende beschäftigten." 

(Gunnar Weiß, damaliger Leiter der EK "Camping" und Kriminalhauptkommissar)   
        

Im Rahmen der Ermittlungen stießen die Beamten dann auf zwei weitere Tatverdächtige. Der Mann aus Steinheim (33) und der Mann aus Stade (48). Beide Männer wurden kurz hintereinander festgenommen, nämlich am 10. Januar 2019 und am 11. Januar 2019. Sie sitzen ebenfalls in Untersuchungshaft

Am 1. Februar übernahm die Polizei in Bielefeld

Zunächst ermittelten neun Beamte der lippischen Ermittlungskommission "Camping" in dem Fall. Am 1. Februar 2019 hat die Polizei in Bielefeld den Fall übernommen.

Die neue Ermittlungskommission "Eichwald" ist mittlerweile 79 Mann stark. Auch Polizeibeamte aus anderen Behörden des Regierungsbezirks Detmold und aus NRW helfen bei der Aufklärung des Falls. 

Dass Bielefeld den Fall übernommen hat, liegt laut NRW-Innenministerium hauptsächlich daran, dass die Polizei dort mehr Personal hat. Denn der Fall hat eine außerordentlich große Dimension angenommen. 


Was wir über die Täter wissen

Hier sollen Kinder tausendfach missbraucht worden sein

Andreas V. aus Lügde

Andreas V. (56) gilt als Hauptverdächtiger in dem Fall. Er kommt aus Lügde und soll 30 Jahre lang als Dauercamper auf dem Campingplatz im Ortsteil Elbrinxen gewohnt haben. Andreas V. ist alleinstehend, soll aber mal veheiratet gewesen sein. Seit 20 Jahren ist er arbeitslos. Obwohl er auch eine Wohnung in Lügde gehabt haben soll, lebte er wohl dauerhaft in seiner Parzelle auf dem Campinglatz Eichwald.

Seit 2016 lebte Andreas V. zusammen mit seiner Pflegetochter auf dem Campingplatz. Die Pflegschaft ist ihm vom Jugendamt Hameln-Pyrmont übertragen worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann seine Pflegetocher gezielt als Lockvogel für andere Kinder eingesetzt hat, um auch diese zu missbrauchen. Die meisten der bisher identifizerten Opfer sollen aus dem Freundeskreis des Mädchens stammen.

Andreas V. soll die Kinder regelrecht geködert haben, damit sie sich bei ihm wohlfühlten. So ist die Rede von gemeinsamen Besuchen in Freizeitparks und Schwimmbädern, aber auch Quad-Touren soll er organisiert haben. Er soll skrupellos und strategisch vorgegangen sein, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Obwohl das Pflegekind erst seit 2016 dauerhaft bei Andreas V. lebte, sollen Kinder mindestens seit 2008 auf dem Campingplatz missbraucht worden sein. Es geht also um einen Zeitraum von zehn Jahren. Und möglicherweise hat sich Andreas V. schon sehr viel früher schuldig gemacht. Eine Zeugin behauptet in mehreren Medien, dass sie selbst als Kind im Jahr 1991 mehrfach von Andreas V. missbraucht wurde. 

Außerdem gibt es noch einen nicht abschließend geklärten Listeneintrag: Denn die lippische Polizei führt seit 1999 eine Liste zu Sexualdelikten und unter dem Datum Januar 2002 steht ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch einer Achtjährigen durch den Dauercamper. Ein Verfahren ist damals nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul aber offenbar nicht eingeleitet worden. Das soll aber noch genauer geprüft werden. Reul kündigte an, dass auch die anderen älteren Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs auf dem Campingplatz neu aufgerollt werden.

Mit Stand Mai 2019 sitzt Andreas V. seit mehr als einem halben Jahr in U-Haft. Und im Mai hat er sich erstmals geäußert. Was er den Ermittlern gesagt hat, ist noch unklar. Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei bezog sich die Aussage aber nicht auf die Taten, die ihm vorgeworfen werden.

Mario S. aus Steinheim (33)

Mario S. und Andreas V. sollen sich in einschlägigen Chats kennengelernt haben. Vermutlich haben sie sich auch dort für den gemeinsamen Missbrauch auf dem Campingplatz verabredet. Die Ermittler gehen davon aus, dass beide Männer an den vermutlich 1.000 Einzeltaten beteiligt waren. Sie sollen die Kinder abwechselnd sexuell missbraucht und dabei teilweise auch gefilmt haben. Mario S. soll ebenfalls zum Teil auf dem Campingplatz gewohnt haben. Er schweigt bis dato zu den Vorwürfen. Auch er sitzt seit einem halben Jahr in U-Haft.

 

Heiko V. aus Stade (48)

Heiko V. aus Stade (Niedersachsen) ist der einzige der drei Hauptverdächtigen, der seit Anfang an mit den Ermittlern über die Vorwürfe gesprochen hat. Schon auf der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 gab die lippische Polizei bekannt, dass Heiko V. ein Teilgeständnis abgelegt hat. Er soll Andreas V. und Mario S. nicht persönlich gekannt haben. Der Kontakt soll über einen Chatroom im Darknet zustande gekommen sein. Heiko V. wird verdächtigt, die Kinderpornos über diesen Chat in Auftrag gegeben zu haben. Nach Auskunft der ermittelnden Behörden soll der 48-Jährige allerdings bestreiten, den Missbrauch in Auftrag gegeben zu haben.

Hinweise auf einen Kinderpornoring haben die Ermittler nicht. Sie halten es aber für unwahrscheinlich, dass Heiko V. der einzige Abnehmer des scheußlichen Materials war.

Weitere Verdächtige

Mit Stand 14. Mai 2019 gibt es im Missbrauchsfall von Lügde neben den drei Hauptverdächtigen noch fünf weitere Beschuldigte. Es handelt sich dabei um einen 21-jährigen Mann, gegen den wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern ermittelt wird. Außerdem wird ein 16-Jähriger aus der Region beschuldigt, Kinderpornos besessen zu haben, die auf dem Campingplatz in Lügde entstanden sind. Die Ermittler waren bei der Auswertung sichergestellter Daten auf ihn gestoßen.

Ein weiterer Verdächtiger soll im Auftrag einer der Hauptbeschuldigten Kinderpornos von Datenträgern gelöscht haben und bei den übriggebliebenen zwei Verdächtigen geht es um die Frage, ob sie ihre Kinder dem Hauptbeschuldigten anvertraut haben, obwohl sie von Missbrauchsvorwürfen gegen ihn wussten. Ermittelt wird also wegen Besitzes von kinderpornografischem Material von dem Campingplatz, Strafvereitelung und Beilhilfe zum Missbrauch.

Die fünf Verdächtigen sitzen nicht in U-Haft.

 

 


Was wir über die Opfer wissen

Über die Opfer ist natürlich aufgrund des Opferschutzes nicht viel bekannt. Und das ist gut so. Wir wissen, dass es bislang 41 identifizierte Opfer gibt, die wohl größtenteils aus dem Freundeskreis des Pflegekindes des Hauptverdächtigen stammen. Die Kinder sind zwischen vier und 13 Jahre alt. Außerdem gibt es 11 Personen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie ebenfalls auf dem Campingplatz missbraucht wurden. Es könnten also schon 52 Opfer sein.

Sicher ist, dass alle bisher bekannten Opfer in Sicherheit sind. Die Polizei hat umfangreiche Opferschutzmaßnahmen eingeleitet.

"Dem Opferschutz und der Opfernachsorge räumen wir einen hohen Stellenwert ein. Wir haben entsprechende Hilfen für die Kinder und betroffene Angehörige angeboten."

(Achim Tietz, Erster Kriminalhauptkommissar in Lippe am 30.01.2019)

Wie geht es dem Pflegekind?

"Das Mädchen ist in guten Händen. Es ist bei einer sehr erfahrenen Familie zur Betreuung und wird einen Platz in einer geeigneten Einrichtung bekommen."

(Sandra Lummitsch, Pressesprecherin Landkreis Hameln-Pyrmont am 30.01.2019)

Was mit der leiblichen Mutter des Mädchens ist, wissen wir derzeit nicht. Wir wissen, dass sie wohl mit der Erziehung des Kindes überfordert war, und deshalb anregte, das Mädchen bei dem Mann in Lügde unterzubringen. Weshalb die Mutter überfordert war, sagen die Behörden nicht. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass die Mutter wusste, was mit ihrem Kind auf dem Campingplatz geschah. Sie und der 56-Jährige sollen gut miteinander bekannt gewesen sein. In welchem Verhältnis sie konkret zueinander standen, lassen die Ermittler offen. Es gibt Gerüchte, dass sie verwandt sein sollen, das wurde bei der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 seitens der Polizei aber verneint.


Die Behörden in der Kritik

Kurz nach der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 hat die Staatsanwaltschaft Detmold bekanntgegeben, dass es bereits 2016 Hinweise auf einen möglichen sexuellen Missbrauch gab.

Im August 2016 gab es einen Hinweis von einem Familienvater (56) aus Bad Pyrmont. Dieser rief die Polizeidienststelle in Blomberg an. Die Polizei informierte das Kreisjugendamt Lippe und das wiederum das Jugendamt Hameln-Pyrmont.

Daraufhin gab es laut Staatsanwaltschaft eine Überprüfung des Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen, eine Kindeswohlgefährdung wurde aber nicht erkannt. Auch polizeiliche Ermittlungen erfolgten nicht.

Zwei Monate später kam der zweite Hinweis

Im November 2016 informierte eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg die Polizei und auch das Kreisjugendamt in Lippe.

Dabei ging es laut Staatsanwaltschaft um eine Äußerung des Hauptverdächtigen ihr gegenüber, die auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten.

Wieder informierte die Polizei die beteiligten Jugendämter. Diese teilten dann mit, dass die Überprüfungen des Pflegevaters und späteren Hauptverdächtigen zu keinem Zeitpunkt Hinweise für einen sexuellen Missbrauch erbracht hätten.

Die Polizei hat den Vorgang abgeschlossen, ohne weitergehend zu ermitteln und ohne die Staatsanwaltschaft zu informieren

"Das ist Behördenversagen an allen Ecken und Kanten"

(Herbert Reul, NRW-Innenminister)

Ermittlungen gegen Mitarbeiter

Die Staatsanwaltschaft Detmold und die Polizei in Bielefeld ermitteln gegen drei Polizisten aus Lippe wegen des Verdachts der Strafvereitelung. Außerdem wird geprüft, ob die Polizisten die Tatverdächtigen persönlich kannten. Und auch gegen Mitarbeiter der beiden Jugendämter wird strafrechtlich ermittelt - bei ihnen geht es um den Verdacht der Verletzung der Fürsorgepflicht.

Landkreis Hameln-Pyrmont stellt Jugendamts-Mitarbeiter vom Dienst frei

Nach den vielen Missbrauchsfällen in Lügde sind Akten geschönt worden. Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont hat zugegeben, dass Akten des Jugendamtes nachträglich manipuliert wurden. Der Mitarbeiter, der das gemacht haben soll, ist vom Dienst freigestellt. Das teilte der Landkreis am 15. Februar 2019 mit. Auch ein Polizist hat nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung Regeln gebrochen. Er gab Hinweise im Jahr 2016 auf sexuellen Missbrauch nicht an die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft weiter - das wäre aber seine Pflicht gewesen.

 


Jetzt wohl auch ein Behördenskandal

Der Missbrauchsfall von Lügde nimmt immer weitere, immer schlimmere Ausmaße an. Und die Liste der Pannen bei den Ermittlungen wird immer länger. Erst jetzt wird bekannt, dass Beweismaterial aus der Kreispolizeibehörde in Detmold seit Wochen verschwunden ist. Es geht um 155 Datenträger mit sichergestelltem Beweismaterial. Das hat NRW-Innenminister Herbert Reul am 21. Februar 2019 in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Düsseldorf bekanntgegeben.

Der Alukoffer und eine Hülle mit den 155 Datenträgern wurden offenbar zum letzten Mal am 20. Dezember 2018 gesehen. Am 30. Januar 2019 sei der Verlust bemerkt worden. Ein Sprecher des NRW-Innenministeriums bestätigte uns, dass die Kreispolizeibehörde erst am Montag, den 18. Februar 2019, das Innenministerium über die verschwundenen Beweise informiert hat.

"Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen"

(Herbert Reul, NRW-Innenminister)

 

Alle weiteren Informationen und Nachrichten rund um den Polizeiskandal im Zuge der Ermittlungen im Fall Lügde könnt ihr hier nachlesen : >>Ermittlungen im Missbrauchsfall werden zum Polizeiskandal<<

Das sagt der Kreis Lippe

Kreishaus in Detmold

Das Jugendamt Kreis Lippe war involviert, weil das Pflegekind im Kreis Lippe untergebracht war. Zuständige Behörde war aber das Jugendamt Hameln-Pyrmont, weil die Mutter des Kindes in dem Landkreis lebt. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont hat zugestimmt, dass der spätere Hauptverdächtige das Mädchen zur Pflegschaft aufnehmen darf.

Nach Angaben des Jugendamtes Lippe gab es Ende 2016 einen Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung. Dieser Hinweis bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes - nicht eines möglichen Missbrauchs, heißt es in einer Stellungnahme des Kreises Lippe, die unsere Redaktion am 30. Januar 2019 (kurz nach der Pressekonferenz) erreichte.

Mitarbeiter des Jugendamtes überprüften die Situation vor Ort. Die Einschätzung der Jugendamts-Mitarbeiter ergab:

"Das Kind lebte nicht in einem verwahrlosten Umfeld. Deshalb nahm das Jugendamt das Kind nicht in Obhut. Allerdings wurde dem Pflegevater empfohlen, die Unterbringung und die häusliche Situation auf Dauer zu ändern."

(Stellungnahme Kreis Lippe vom 30.01.2019)

Nach Angaben des Jugendamtes Lippe blieben beide Ämter in regelmäßigem Kontakt. Ziel war es nach Darstellung des Kreises Lippe, auf eine zeitnahe Verbesserung der Lebenssituation und Unterbringung des Kindes hinzuwirken. 

Rückmeldungen des Jugendamtes Hameln-Pyrmont sollen eine Verbesserung der Lebenssituation versichert haben. 

"Die Rückmeldungen lieferten keine Verdachtsmomente auf einen sexuellen Missbrauch"

(Stellungnahme Kreis Lippe vom 30.01.2019)

Als Ende 2018 im Jugendamt des Kreises Lippe die Strafanzeige wegen Kindesmissbrauchs bekannt wurde, wurde das Mädchen noch am selben Tag in Obhut genommen und in einer geprüften Bereitschaftspflegefamilie im Kreis Lippe untergebracht.

Nach dem die Behörde in Hameln-Pyrmont informiert wurde, übernahm sie als zuständige Behörde die Obhut der Achtjährigen.

Das sagt der Landrat

"Der Missbrauch eines Kindes ist ein furchtbares Verbrechen, jeder einzelne Fall ist ein unfassbarer Übergriff. Mich machen die Nachrichten sehr betroffen, die Opfer müssen durch Hilfe- und Beratungsangebote unterstützt werden. Wir wollen nicht zur Tagesordnung übergehen. Vor uns liegt ein langer Weg."

Dr. Axel Lehmann, Landrat des Kreises Lippe, am 01.02.2019 in Lügde-Elbrinxen

Das sagt der Landkreis Hameln-Pyrmont

Landrat Tjark Bartels

Die Entscheidung, dass das achtjährige Mädchen bei dem späteren Hauptverdächtigen untergebracht wurde, hat das Jugendamt Hameln-Pyrmont getroffen. Nach Angaben des Jugendamtes war das ausdrücklicher Wunsch der Mutter des Kindes. Die Mutter habe vorgeschlagen, ihr Kind dauerhaft bei dem Mann in Lügde-Elbrinxen unterzubringen. Das Kind war dort offenbar vorher schon gelegentlich untergebracht.

Das Jugendamt habe die Unterbringung bei dem Mann sieben Monate lang intensiv geprüft. Sein Gesundheitszustand, seine finanzielle Lage und auch sein Führungszeugnis sprachen offenbar nicht gegen eine Pflegschaft. 

Nach eigener Darstellung war für das Jugendamt die gute Bindung zwischen Pflegekind und Pflegevater entscheidend. Er habe sich sehr für das Kind eingesetzt und das Kind habe sich in seiner Entwicklung seither sichtbar verbessert. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes soll einmal in der Woche in Lügde-Elbrinxen gewesen sein, um den Pflegevater zu begleiten. 

Warum ein Campingplatz?

Zu dieser Frage hieß es aus Hameln-Pyrmont: Die Wohnsituation war sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu der guten Bindung aber einen deutlich geringeren Stellenwert. Die Unterbringung ist laut Jugendamt kein Indiz für eine Kindeswohlgefährdung. 

"Die Unterkunft auf dem Campingplatz entspricht einem winterfesten Wochenendhaus mit mehreren Räumen mit Waschmöglichkeit, Küche und einem eigenen Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand und auch aufgeräumt vorgefunden wurde."

(Stellungnahme Landkreis Hameln-Pyrmont vom 30.01.2019)

Auch das Jugendamt Hameln-Pyrmont sagt, dass es zu keinem Zeitpunkt konkrete Hinweise auf seelische oder sexuelle Auffälligkeiten oder Übergriffe gab. 

Das sagt der Landrat

Der Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, hat am 5. Februar 2019 zu einer Pressekonferenz ins Kreishaus eingeladen und sich schützend vor seine Mitarbeiter gestellt. Von einem Behördenversagen wollte er nicht sprechen. Denn es sei sehr einfach, hinterher dem Jugendamt die Schuld zu geben. Man müsse den Fall aber mit dem Wissen betrachten, das das Jugendamt überhaupt damals haben konnte. Das Kind habe sich viel besser entwickelt und glücklich gewirkt. Dass das alles Fassade war, wisse man erst heute. 

Seine Mitarbeiter hätten ihre Pflichten erledigt. Das, was man jetzt wisse, sei vorher nicht abzusehen gewesen. Fehleinschätzungen seien menschlich.

Strafrechtliche Konsequenzen?

Tjark Bartels glaubt nicht, dass es strafrechtliche Konsequenzen gegen die Mitarbeiter des Jugendamtes geben wird. Er sagt aber auch: Wenn die folgenden Ermittlungen doch Fehler aufzeigen, die strafrechtlich relevant sind, wird es auch im Kreishaus in Hameln personelle Konsequenzen geben. Eindeutige Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit seien ihm nicht bekannt. Das werde man intern prüfen, sobald die Akten wieder im Haus sind.

Mitarbeiter suspendiert

Am 15. Februar 2019 gab der Landkreis Hameln-Pyrmont bekannt, dass ein Mitarbeiter des Jugendamts Akten nachträglich bearbeitet und zurückdatiert hat. Der Beschäftigte hat das zugegeben und sich nach Angaben des Landkreises bereits bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Er wurde vom Dienst freigestellt.

Am 19. März 2019 gab der Landkreis Hameln-Pyrmont bekannt, dass eine weitere Mitarbeiterin des Jugendamts vom Dienst freigestellt worden ist. Sie hat nach Aussage von Landrat Tjark Bartels nachträglich Hinweise auf Pädophilie aus einer Akte gelöscht.

Bei dieser dritten Pressekonferenz Mitte März hat Bartels außerdem weitere Fehler eingeräumt. Er hat zugegeben, dass Hinweise auf Pädophilie aus dem Jahr 2016 bekannt waren - und weitere Hinweise nicht vernünftig bearbeitet wurden. Beispielsweise hatte sich 2016 eine Psychologin aus dem Kindergarten der Pflegetochter des Hauptverdächtigen zu Wort gemeldet und damals schon von Pädophilie gesprochen.



Was jetzt passiert

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt

Die Ermittler sind sich sicher, dass die Zahl der Opfer weiter steigen wird. Denn die sichergestellten Datenträger mit Kinderpornos sind noch nicht vollständig ausgewertet. Anhand der Bilder und Videos werden wahrscheinlich weitere Opfer identifiziert. 13.000 gesicherte Kinderpornodateien sind bereits dem Bundeskriminalamt übergeben worden. Insgesamt haben die Ermittler Daten mit einem Umfang von 14 Terabyte auszuwerten. Die Kinderpornografie erstreckt sich auch auf das Internet. Nur ein Teil der Fotos und Videos auf den Datenträgern entstand in Lügde, das BKA hat bereits Material aus anderen Fällen identifiziert.

Bielefelder Polizei übernimmt

Die große Menge digitaler Daten mache es dennoch erforderlich, weitere Fachleute anderer Polizeibehörden aus NRW in die Bearbeitung einzubinden. Deshalb liegt der Fall jetzt bei der personell überlegenen Polizeibehörde in Bielefeld auf dem Tisch. Die neue Ermittlungskommission "Eichwald" setzt sich aus den bisherigen lippischen Ermittlern der EK "Camping", Ermittlern der Kriminalpolizei Bielefeld und weiteren Beamten aus Behörden in NRW zusammen. Außerdem hat die Bielefelder Polizei aus Neutralitätsgründen auch die Ermittlungen gegen die zwei Polizisten aus Lippe übernommen, bei denen der Verdacht der Strafvereitelung besteht.

Ziel der EK ist es, mögliche weitere Opfer und Tatverdächtige zu identifizieren und einen möglichen weiteren Missbrauch zu verhindern. Darüber hinaus werden weitere Beweise gesammelt. Aktuell werden die Kinderporno-Dateien ausgewertet und Befragungen und Durchsuchungen durchgeführt.

Die Polizei nimmt weiter Hinweise auf weitere mögliche Opfer entgegen. Die Beamten sind erreichbar unter:  05231 / 609 30 56 

Ein Fall, drei Staatsanwälte

Bei der Staatsanwaltschaft Detmold befassen sich mittlerweile drei Staatsanwälte mit dem Fall. Eine Staatsanwältin führt weiter die Ermittlungen gegen die drei tatverdächtigen Männer, eine weitere Staatsanwältin leitet die Ermittlungen gegen die beiden Polizisten aus Lippe und ein Oberstaatsanwalt übernimmt die Ermittlungen gegen die Jugendämter. 

Die Staatsanwaltschaft Detmold will die drei Tatverdächtigen schnell vor Gericht bringen. Das zuständige Gericht könnte die Hauptverhandlung Ende Juni/Anfang Juli ansetzen.

"Ziel ist es, stringent durchzuermitteln" 

Ralf Vetter, Oberstaatsanwalt, Staatsanwaltschaft Detmold

Weil das Ausmaß der Vorwürfe so gewaltig ist und sich weitere Opfer melden könnten, kann die Staatsanwaltschaft Detmold nicht ausschließen, dass erstmal nur ein Teil der mutmaßlichen Taten zur Anklage gebracht werden.

Alles rund um die juristische Aufarbeitung des Falls Lügde haben wir auf dieser Seite für Euch zusammengefasst: >> Der Detmolder Missbrauchsprozess

 

 

 

 


Der Missbrauchsfall und seine Konsequenzen

Auch Landesregierung will Konsequenzen ziehen

Kreis Lippe

Der Kreis Lippe lässt seine Standards jetzt vom Landesjugendamt überprüfen, außerdem hat der Kreis eine Telefonberatung geschaltet und bietet bis März Beratungstermine im Lügder Rathaus an. Neben telefonischen Beratungen werden auch weitere Unterstützungsleistungen vermittelt. Außerdem sind in den Kitas und Schulen in Lügde Elternbriefe verteilt worden, die Tipps geben, wie sich Eltern in der aktuellen Situation verhalten können.

Polizei Lippe

Nach den vielen Ermittlungspannen im Missbrauchsfall von Lügde wird die Arbeit der Kreispolizeibehörde Lippe jetzt auf links gezogen. Strukturen und Abläufe in der Behörde werden von Experten des Landes auf Verbesserungsmöglichkeiten geprüft. Diese Untersuchung passiert auf Empfehlung des NRW-Innenministeriums – im Fokus stehen allerdings nicht die Ermittlungspannen im Fall Lügde, sondern die Polizeiarbeit in Lippe ganz allgemein, sagte uns ein Polizeisprecher.

Bei der Untersuchung werden alle Abteilungen der lippischen Polizei ins Visier genommen. Unter anderem geht es ums Personal. Wie ist das Personal verteilt? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus und wie gut ist das Personal überhaupt für die jeweiligen Einsatzbereiche qualifiziert? Aber auch der Umgang mit Asservaten, die Notwendigkeit von fünf Wachstandorten und die bisherige Bearbeitung beispielsweise von Sexualstraftaten werden beleuchtet. Kurz gesagt: Die komplette Arbeit der Polizei wird auf den Prüfstand gestellt. Ein Abschlussbericht soll bis Ende Mai vorliegen. Behördenleiter Dr. Axel Lehmann begrüßt die Prüfung: „Damit steigen wir in die langfristige Weiterentwicklung der Behörde ein“, wird Lehmann in einer Mitteilung zitiert.

NRW-Landesregierung

Die Landesregierung in NRW erwägt jetzt, einen Landesbeauftragten gegen sexuelle Gewalt an Kindern zu berufen oder eine beratende Kommission von Kommunen und Land einzusetzen. Ziel soll es sein, Minderjährige im Land besser vor sexueller Gewalt zu schützen.

"Wir müssen versuchen, dass wir so etwas Ungeheuerliches nicht mehr erleben"

(Joachim Stamp, NRW-Familienminister am 4.02.2019 in Düsseldorf)

Landesfamilienminister Joachim Stamp fordert darüber hinaus, dass die massenhaften mutmaßlichen Taten in vollem Umfang aufgeklärt werden. Außerdem müsste über die Rolle der Jugendämter gesprochen werden und nachgebessert werden, um Kinder künftig besser schützen zu können.

Bundesregierung

"Ein monströser Fall"

Johannes-Wilhem Rörig, zuständiger Beauftragter der Bundesregierung am 31.01.2019 im Westfalen-Blatt

Der Missbrauchsbeauftragte forderte einen Tag nach Bekanntwerden des Lügder Missbrauchsfalls im Westfalen-Blatt eine Meldepflicht für Internet-Provider. Wenn Internet-Anbieter auf kinderpornografisches Material stießen, sollten sie es dem Bundeskriminalamt melden.

Bislang kämen in Deutschland Meldungen zu Missbrauchsdarstellungen von Kindern vor allem vom US-Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder (National Center for Missing and Exploited Children, NCMEC), weil in den USA - anders als in Deutschland - eine gesetzliche Meldepflicht gelte.

Rörig forderte bereits im vergangenen Juni, dass deutsche Anbieter gesetzlich dazu verpflichtet werden, Verdachtsfälle auf Kinder- und Jugendpornografie an eine zentrale Stelle zu melden. 


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