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Was wir bisher zum "Fall Lügde" wissen

Hier könnt ihr alles Wichtige rund um den Missbrauchsfall in Lügde nachlesen


Die Vorwürfe

Drei Hauptverdächtige

Verdächtig sind ein Mann aus Lügde (56), ein Mann aus Steinheim (33) und ein Mann aus Stade (48). Die Männer wurden im Dezember 2018 und Anfang Januar 2019 in Lügde und Stade (Niedersachsen) festgenommen. Alle drei sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Darüber hinaus gibt es fünf weitere Verdächtige, die allerdings nicht in Haft sitzen. Einer soll die Daten manipuliert haben, indem er für den Hauptverdächtigen aus Lügde Kinderpornos von Datenträgern gelöscht haben soll. Bei ihm geht es um den Verdacht der Strafvereitelung. Drei weitere Verdächtige sollen ihre Kinder dem Mann aus Lügde anvertraut haben, obwohl sie offenbar von Missbrauchsvorwürfen gegen ihn wussten. Der fünfte ist ein 16-Jähriger aus der Region, der Kinderpornos besessen haben soll, die auf dem Campingplatz in Lügde entstanden sein sollen.

Mehr als 1.000 Taten

Der Mann aus Lügde (56) und der Mann aus Steinheim (33) sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren (2008 bis 2018) Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren sexuell missbraucht haben - teilweise schwer. Bislang wissen die Ermittler von mehr als 1.000 einzelnen Taten und 34 Opfern. Die Zahl der Opfer war kurz nach Bekanntwerden des massenhaften Missbrauchs bei der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 von 23 auf 35 gestiegen. Mittlerweile sind schon 40 Kinder sicher identifiziert. Die meisten Opfer sind Mädchen. Ein Großteil der Taten soll sich auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen abgespielt haben. Außerdem werden 12 Verdachtsfälle geprüft.

Daten im Umfang von 14 Terabyte

Nach dem die Ermittlungen ins Rollen kamen, stellten die Ermittler bei ihren Durchsuchungen Daten im Umfang von 14 Terabyte sicher, darunter 13.000 kinderpornografische Dateien, die dem Bundeskriminalamt zur Auswertung übergeben wurden. Insgesamt wurden zehn Computer, neun Handys, mehr als 40 Festplatten und mehr als 400 weitere Datenträger beschlagnahmt. 24 IT-Spezialisten in Bielefeld werten aktuell 3,3 Millionen sichergestellte Fotos und mehr als 86.000 Videos aus.

Wahrscheinlich mehr Opfer

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Opferzahl weiter steigen wird, sobald das Kinderporno-Material ausgewertet ist und weitere Kinder indentifiziert wurden.


Wie die Ermittlungen ins Rollen kamen

Die Ermittler bei der PK am 30.01.2019

Auslöser für die Ermittlungen war 2018 der Hinweis auf den Missbrauch eines kleinen Mädchens. Die Sechsjährige ist eine Freundin des Pflegekindes des Hauptverdächtigen aus Lügde.

Schon bei den ersten Anhörungen der Kinder (der Freundin und der Pflegetochter) verdichteten sich laut Polizei und Staatsanwaltschaft die Hinweise darauf, dass sich der 56-Jährige nicht nur an der Freundin, sondern auch an seiner Pflegetochter mehrfach vergangenen haben könnte

Er wurde am 6. Dezember 2018 festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft

In seinen Wohnräumen und auf dem Campingplatz wurden zahlreiche Datenträger (s.o.) sichergestellt

"Bei der Auswertung und bei den Anhörungen der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage, die mich und meine Kollegen noch lange nach Dienstende beschäftigten." 

(Gunnar Weiß, Leiter der EK und Kriminalhauptkommissar)   
        

Im Rahmen der Ermittlungen gelangten dann zwei weitere Tatverdächtige in den Fokus. Der Mann aus Steinheim (33) und der Mann aus Stade (48). Beide Männer wurden kurz hintereinander festgenommen, nämlich am 10. Januar 2019 und am 11. Januar 2019. Sie sitzen ebenfalls in Untersuchungshaft

Am 1. Februar übernahm die Polizei in Bielefeld

Zunächst ermittelten neun Beamte der lippischen Ermittlungskommission "Camping" in dem Fall. Am 1. Februar 2019 hat die Polizei in Bielefeld den Fall übernommen.

Die neue Ermittlungskommission "Eichwald" setzt sich aus den bisherigen Ermittlern aus Lippe und Ermittlern der Bielefelder Kriminalpolizei zusammen. Auch Polizeibeamte aus anderen Behörden des Regierungsbezirks Detmold und aus NRW helfen bei der Aufklärung des Falls. Aktuell umfasst die EK "Eichwald" weit mehr als 50 Ermittler.

Dass Bielefeld den Fall übernommen hat, liegt laut NRW-Innenministerium daran, dass die Polizei dort mehr Personal hat. Denn der Fall habe eine große Dimension angenommen


Was wir über die Täter wissen

Hier sollen Kinder tausendfach missbraucht worden sein

Der 56-Jährige aus Lügde

Der Hauptverdächtige aus Lügde ist 56 Jahre alt und hat 30 Jahre auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen gewohnt. Er war mal verheiratet und ist seit 20 Jahren arbeitslos. Er soll wohl auch eine Wohnung in Lügde gehabt haben, aber die meiste Zeit in seiner Parzelle auf dem Campingplatz gelebt haben. 

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann sein Pflegekind gezielt als Lockvogel für andere Kinder eingesetzt hat, um auch diese zu missbrauchen. Die meisten der bisher identifizierten Opfer sollen aus dem Freundeskreis des Mädchens stammen.

Der Mann soll den Kindern viel geboten haben, damit sie sich bei ihm wohlfühlen. So ist die Rede von gemeinsamen Besuchen in Freizeitparks und Schwimmbädern, aber auch Quad-Touren soll er organisiert haben. Er soll skrupellos und strategisch vorgegangen sein, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Er hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Mittlerweile ist bekannt geworden, dass es wohl schon sehr viel früher Hinweise darauf gab, dass der spätere Hauptverdächtige vom Campingplatz Kinder sexuell missbraucht hat. Die lippische Polizei führt seit 1999 eine Liste zu Sexualdelikten und unter dem Datum Januar 2002 steht ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch einer Achtjährigen durch den Dauercamper. Ein Verfahren ist nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul aber offenbar nicht eingeleitet worden. Das soll aber noch genauer geprüft werden. Reul kündigte an, dass auch die anderen älteren Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs auf dem Campingplatz neu aufgerollt werden.

Der 33-Jährige aus Steinheim

Über den zweiten Verdächtigen aus Steinheim ist bisher noch nicht viel bekannt. Er und der 56-Jährige sollen sich in einschlägigen Chats kennengelernt haben. Dort haben sie sich vermutlich auch für den Missbrauch auf dem Campingplatz verabredet. Die Ermittler gehen davon aus, dass beide Männer an den Taten beteiligt waren. Sie sollen die Kinder abwechselnd sexuell missbraucht und dabei teilweise gefilmt haben. Auch der Mann aus dem Kreis Höxter schweigt. Dass es Mitwisser auf dem Campingplatz gibt, können die Ermittler aktuell nicht bestätigen.

Der 48-Jährige aus Stade

Der Mann aus Stade (Niedersachsen) ist aktuell der einzige, der redet. Wie die Ermittler auf der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 bekanntgaben, hat der Mann ein Teilgeständnis abgelegt. Wie dieses Teilgeständnis aussieht, ließen sie aber offen. Anscheinend steht aber fest, dass der 48-Jährige die beiden anderen Verdächtigen nicht persönlich kannte. Der Kontakt soll über einen Chatroom im Darknet zustande gekommen sein. Er wird verdächtigt, die Kinderpornos über diesen Chat in Auftrag gegeben zu haben. Hinweise auf einen Kinderpornoring haben die Ermittler nicht. Sie halten es aber für unwahrscheinlich, dass der Mann aus Stade der einzige Abnehmer des scheußlichen Materials war.

Weitere Verdächtige

Update vom 5. April 2019: Mittlerweile ist der Kreis der Beschuldigten um eine weitere Person gestiegen. Das ist Anfang April 2019 im NRW-Innennausschuss bekanntgegeben worden. Von diesen fünf weiteren Beschuldigten sitzt nach jetzigem Stand keiner in U-Haft. Die Vorwürfe, die ihm Raum stehen, sind: Besitzes von kinderpornografischem Material von dem Campingplatz, Strafvereitelung oder Beilhilfe zum MIssbrauch.

Am 14. Februar 2019 teilte NRW-Innenminister Herbert Reul im Innenausschuss des Landtags mit, dass es drei weitere Verdächtige gibt. Weitere Festnahmen habe es aber nicht gegeben.  Diese Verfahren laufen schon länger, sagte uns Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Gemessen an den Vorwürfen gegen die Hauptbeschuldigten habe man eine Veröffentlichung bisher nicht für nötig gehalten. Bei einem ist der Vorwurf nicht ohne. Denn er soll Daten manipuliert haben. Konkret geht die Staatsanwaltschaft dem Verdacht nach, dass er für den Hauptverdächtigen Kinderpornos von Datenträgern gelöscht haben könnte. Das wäre dann Strafvereitelung. Bei den anderen beiden Verdächtigen geht es um die Frage, ob sie ihre Kinder dem Hauptbeschuldigten anvertraut haben, obwohl sie von Missbrauchsvorwürfen gegen ihn wussten. Bei diesen Fällen stuft die Staatsanwaltschaft den Tatverdacht aber als gering ein.

Am 26. Februar 2019 gaben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt, dass es einen weiteren, minderjährigen Verdächtigen gibt. Der 16-jährige aus der Region hat laut Oberstaatsanwalt Ralf Vetter Kinderpornos besessen, die auf dem Campingplatz in Lügde entstanden sind. Der Jugendliche wurde am 25. Februar vernommen und ist seitdem wieder auf freiem Fuß. Die Ermittler waren bei der Auswertung sichergestellter Daten auf ihn gestoßen.

 


Was wir über die Opfer wissen

Über die Opfer ist natürlich aufgrund des Opferschutzes nicht viel bekannt. Und das ist gut so. Wir wissen, dass es bislang 40 identifizierte Opfer gibt, die wohl größtenteils aus dem Freundeskreis des Pflegekindes des Hauptverdächtigen stammen. Die Kinder sind zwischen vier und 13 Jahre alt. Außerdem gibt es 12 Personen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie ebenfalls auf dem Campingplatz missbraucht wurden. Es könnten also schon 52 Opfer sein.

Sicher ist, dass alle bisher bekannten Opfer in Sicherheit sind. Die Polizei hat umfangreiche Opferschutzmaßnahmen eingeleitet.

"Dem Opferschutz und der Opfernachsorge räumen wir einen hohen Stellenwert ein. Wir haben entsprechende Hilfen für die Kinder und betroffene Angehörige angeboten."

(Achim Tietz, Erster Kriminalhauptkommissar in Lippe am 30.01.2019)

Wie geht es dem Pflegekind?

"Das Mädchen ist in guten Händen. Es ist bei einer sehr erfahrenen Familie zur Betreuung und wird einen Platz in einer geeigneten Einrichtung bekommen."

(Sandra Lummitsch, Pressesprecherin Landkreis Hameln-Pyrmont am 30.01.2019)

Was mit der leiblichen Mutter des Mädchens ist, wissen wir derzeit nicht. Wir wissen, dass sie wohl mit der Erziehung des Kindes überfordert war, und deshalb anregte, das Mädchen bei dem Mann in Lügde unterzubringen. Weshalb die Mutter überfordert war, sagen die Behörden nicht. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass die Mutter wusste, was mit ihrem Kind auf dem Campingplatz geschah. Sie und der 56-Jährige sollen gut miteinander bekannt gewesen sein. In welchem Verhältnis sie konkret zueinander standen, lassen die Ermittler offen. Es gibt Gerüchte, dass sie verwandt sein sollen, das wurde bei der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 seitens der Polizei aber verneint.


Die Behörden in der Kritik

Kurz nach der Pressekonferenz am 30. Januar 2019 hat die Staatsanwaltschaft Detmold bekanntgegeben, dass es bereits 2016 Hinweise auf einen möglichen sexuellen Missbrauch gab.

Im August 2016 gab es einen Hinweis von einem Familienvater (56) aus Bad Pyrmont. Dieser rief die Polizeidienststelle in Blomberg an. Die Polizei informierte das Kreisjugendamt Lippe und das wiederum das Jugendamt Hameln-Pyrmont.

Daraufhin gab es laut Staatsanwaltschaft eine Überprüfung des Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen, eine Kindeswohlgefährdung wurde aber nicht erkannt. Auch polizeiliche Ermittlungen erfolgten nicht.

Zwei Monate später kam der zweite Hinweis

Im November 2016 informierte eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg die Polizei und auch das Kreisjugendamt in Lippe.

Dabei ging es laut Staatsanwaltschaft um eine Äußerung des Hauptverdächtigen ihr gegenüber, die auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten.

Wieder informierte die Polizei die beteiligten Jugendämter. Diese teilten dann mit, dass die Überprüfungen des Pflegevaters und späteren Hauptverdächtigen zu keinem Zeitpunkt Hinweise für einen sexuellen Missbrauch erbracht hätten.

Die Polizei hat den Vorgang abgeschlossen, ohne weitergehend zu ermitteln und ohne die Staatsanwaltschaft zu informieren

"Das ist Behördenversagen an allen Ecken und Kanten"

(Herbert Reul, NRW-Innenminister)

Ermittlungen gegen Mitarbeiter

Die Staatsanwaltschaft Detmold und die Polizei in Bielefeld ermitteln gegen drei Polizisten aus Lippe wegen des Verdachts der Strafvereitelung. Außerdem wird geprüft, ob die Polizisten die Tatverdächtigen persönlich kannten. Und auch gegen Mitarbeiter der beiden Jugendämter wird strafrechtlich ermittelt - bei ihnen geht es um den Verdacht der Verletzung der Fürsorgepflicht.

Landkreis Hameln-Pyrmont stellt Jugendamts-Mitarbeiter vom Dienst frei

Nach den vielen Missbrauchsfällen in Lügde sind Akten geschönt worden. Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont hat zugegeben, dass Akten des Jugendamtes nachträglich manipuliert wurden. Der Mitarbeiter, der das gemacht haben soll, ist vom Dienst freigestellt. Das teilte der Landkreis am 15. Februar 2019 mit. Auch ein Polizist hat nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung Regeln gebrochen. Er gab Hinweise im Jahr 2016 auf sexuellen Missbrauch nicht an die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft weiter - das wäre aber seine Pflicht gewesen.

 


Jetzt wohl auch ein Behördenskandal

Der Missbrauchsfall von Lügde nimmt immer weitere, immer schlimmere Ausmaße an. Und die Liste der Pannen bei den Ermittlungen wird immer länger. Erst jetzt wird bekannt, dass Beweismaterial aus der Kreispolizeibehörde in Detmold seit Wochen verschwunden ist. Es geht um 155 Datenträger mit sichergestelltem Beweismaterial. Das hat NRW-Innenminister Herbert Reul am 21. Februar 2019 in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Düsseldorf bekanntgegeben.

Der Alukoffer und eine Hülle mit den 155 Datenträgern wurden offenbar zum letzten Mal am 20. Dezember 2018 gesehen. Am 30. Januar 2019 sei der Verlust bemerkt worden. Ein Sprecher des NRW-Innenministeriums bestätigte uns, dass die Kreispolizeibehörde erst am Montag, den 18. Februar 2019, das Innenministerium über die verschwundenen Beweise informiert hat.

"Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen"

(Herbert Reul, NRW-Innenminister)

Das Innenministerium hat einen Sonderermittler des Landeskriminalamtes nach Detmold geschickt, um den Verbleib der Datenträger aufzuklären. Er war seit Mittwoch, 20. Februar 2019, bis Mitte März 2019 mit mehreren Mitarbeitern in Detmold. Herbert Reul versprach: "Die Beamten lassen keinen Stein auf dem anderen."

Alle weiteren Informationen und Nachrichten rund um die verschwundenen Beweismittel in der Kreispolizeibehörde und den Bericht des Sonderermittlers könnt ihr auf dieser Seite nachlesen: >>Ermittlungen im Missbrauchsfall werden zum Polizeiskandal<<

Das sagt der Kreis Lippe

Kreishaus in Detmold

Das Jugendamt Kreis Lippe war involviert, weil das Pflegekind im Kreis Lippe untergebracht war. Zuständige Behörde war aber das Jugendamt Hameln-Pyrmont, weil die Mutter des Kindes in dem Landkreis lebt. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont hat zugestimmt, dass der spätere Hauptverdächtige das Mädchen zur Pflegschaft aufnehmen darf.

Nach Angaben des Jugendamtes Lippe gab es Ende 2016 einen Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung. Dieser Hinweis bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes - nicht eines möglichen Missbrauchs, heißt es in einer Stellungnahme des Kreises Lippe, die unsere Redaktion am 30. Januar 2019 (kurz nach der Pressekonferenz) erreichte.

Mitarbeiter des Jugendamtes überprüften die Situation vor Ort. Die Einschätzung der Jugendamts-Mitarbeiter ergab:

"Das Kind lebte nicht in einem verwahrlosten Umfeld. Deshalb nahm das Jugendamt das Kind nicht in Obhut. Allerdings wurde dem Pflegevater empfohlen, die Unterbringung und die häusliche Situation auf Dauer zu ändern."

(Stellungnahme Kreis Lippe vom 30.01.2019)

Nach Angaben des Jugendamtes Lippe blieben beide Ämter in regelmäßigem Kontakt. Ziel war es nach Darstellung des Kreises Lippe, auf eine zeitnahe Verbesserung der Lebenssituation und Unterbringung des Kindes hinzuwirken. 

Rückmeldungen des Jugendamtes Hameln-Pyrmont sollen eine Verbesserung der Lebenssituation versichert haben. 

"Die Rückmeldungen lieferten keine Verdachtsmomente auf einen sexuellen Missbrauch"

(Stellungnahme Kreis Lippe vom 30.01.2019)

Als Ende 2018 im Jugendamt des Kreises Lippe die Strafanzeige wegen Kindesmissbrauchs bekannt wurde, wurde das Mädchen noch am selben Tag in Obhut genommen und in einer geprüften Bereitschaftspflegefamilie im Kreis Lippe untergebracht.

Nach dem die Behörde in Hameln-Pyrmont informiert wurde, übernahm sie als zuständige Behörde die Obhut der Achtjährigen.

Das sagt der Landrat

"Der Missbrauch eines Kindes ist ein furchtbares Verbrechen, jeder einzelne Fall ist ein unfassbarer Übergriff. Mich machen die Nachrichten sehr betroffen, die Opfer müssen durch Hilfe- und Beratungsangebote unterstützt werden. Wir wollen nicht zur Tagesordnung übergehen. Vor uns liegt ein langer Weg."

Dr. Axel Lehmann, Landrat des Kreises Lippe, am 01.02.2019 in Lügde-Elbrinxen

Das sagt der Landkreis Hameln-Pyrmont

Landrat Tjark Bartels

Die Entscheidung, dass das achtjährige Mädchen bei dem späteren Hauptverdächtigen untergebracht wurde, hat das Jugendamt Hameln-Pyrmont getroffen. Nach Angaben des Jugendamtes war das ausdrücklicher Wunsch der Mutter des Kindes. Die Mutter habe vorgeschlagen, ihr Kind dauerhaft bei dem Mann in Lügde-Elbrinxen unterzubringen. Das Kind war dort offenbar vorher schon gelegentlich untergebracht.

Das Jugendamt habe die Unterbringung bei dem Mann sieben Monate lang intensiv geprüft. Sein Gesundheitszustand, seine finanzielle Lage und auch sein Führungszeugnis sprachen offenbar nicht gegen eine Pflegschaft. 

Nach eigener Darstellung war für das Jugendamt die gute Bindung zwischen Pflegekind und Pflegevater entscheidend. Er habe sich sehr für das Kind eingesetzt und das Kind habe sich in seiner Entwicklung seither sichtbar verbessert. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes soll einmal in der Woche in Lügde-Elbrinxen gewesen sein, um den Pflegevater zu begleiten. 

Warum ein Campingplatz?

Zu dieser Frage hieß es aus Hameln-Pyrmont: Die Wohnsituation war sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu der guten Bindung aber einen deutlich geringeren Stellenwert. Die Unterbringung ist laut Jugendamt kein Indiz für eine Kindeswohlgefährdung. 

"Die Unterkunft auf dem Campingplatz entspricht einem winterfesten Wochenendhaus mit mehreren Räumen mit Waschmöglichkeit, Küche und einem eigenen Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand und auch aufgeräumt vorgefunden wurde."

(Stellungnahme Landkreis Hameln-Pyrmont vom 30.01.2019)

Auch das Jugendamt Hameln-Pyrmont sagt, dass es zu keinem Zeitpunkt konkrete Hinweise auf seelische oder sexuelle Auffälligkeiten oder Übergriffe gab. 

Das sagt der Landrat

Der Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels, hat am 5. Februar 2019 zu einer Pressekonferenz ins Kreishaus eingeladen und sich schützend vor seine Mitarbeiter gestellt. Von einem Behördenversagen wollte er nicht sprechen. Denn es sei sehr einfach, hinterher dem Jugendamt die Schuld zu geben. Man müsse den Fall aber mit dem Wissen betrachten, das das Jugendamt überhaupt damals haben konnte. Das Kind habe sich viel besser entwickelt und glücklich gewirkt. Dass das alles Fassade war, wisse man erst heute. 

Seine Mitarbeiter hätten ihre Pflichten erledigt. Das, was man jetzt wisse, sei vorher nicht abzusehen gewesen. Fehleinschätzungen seien menschlich.

Strafrechtliche Konsequenzen?

Tjark Bartels glaubt nicht, dass es strafrechtliche Konsequenzen gegen die Mitarbeiter des Jugendamtes geben wird. Er sagt aber auch: Wenn die folgenden Ermittlungen doch Fehler aufzeigen, die strafrechtlich relevant sind, wird es auch im Kreishaus in Hameln personelle Konsequenzen geben. Eindeutige Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit seien ihm nicht bekannt. Das werde man intern prüfen, sobald die Akten wieder im Haus sind.

Mitarbeiter suspendiert

Am 15. Februar 2019 gab der Landkreis Hameln-Pyrmont bekannt, dass ein Mitarbeiter des Jugendamts Akten nachträglich bearbeitet und zurückdatiert hat. Der Beschäftigte hat das zugegeben und sich nach Angaben des Landkreises bereits bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Er wurde vom Dienst freigestellt.

Am 19. März 2019 gab der Landkreis Hameln-Pyrmont bekannt, dass eine weitere Mitarbeiterin des Jugendamts vom Dienst freigestellt worden ist. Sie hat nach Aussage von Landrat Tjark Bartels nachträglich Hinweise auf Pädophilie aus einer Akte gelöscht.

Bei dieser dritten Pressekonferenz Mitte März hat Bartels außerdem weitere Fehler eingeräumt. Er hat zugegeben, dass Hinweise auf Pädophilie aus dem Jahr 2016 bekannt waren - und weitere Hinweise nicht vernünftig bearbeitet wurden. Beispielsweise hatte sich 2016 eine Psychologin aus dem Kindergarten der Pflegetochter des Hauptverdächtigen zu Wort gemeldet und damals schon von Pädophilie gesprochen.



Was jetzt passiert

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt

Die Ermittler sind sich sicher, dass die Zahl der Opfer weiter steigen wird. Denn die sichergestellten Datenträger mit Kinderpornos sind noch nicht vollständig ausgewertet. Anhand der Bilder und Videos werden wahrscheinlich weitere Opfer identifiziert. 13.000 gesicherte Kinderpornodateien sind bereits dem Bundeskriminalamt übergeben worden. Insgesamt haben die Ermittler Daten mit einem Umfang von 14 Terabyte auszuwerten. Die Kinderpornografie erstreckt sich auch auf das Internet. Nur ein Teil der Fotos und Videos auf den Datenträgern entstand in Lügde, das BKA hat bereits Material aus anderen Fällen identifiziert.

Bielefelder Polizei übernimmt

Die große Menge digitaler Daten mache es dennoch erforderlich, weitere Fachleute anderer Polizeibehörden aus NRW in die Bearbeitung einzubinden. Deshalb liegt der Fall jetzt bei der personell überlegenen Polizeibehörde in Bielefeld auf dem Tisch. Die neue Ermittlungskommission "Eichwald" setzt sich aus den bisherigen lippischen Ermittlern der EK "Camping", Ermittlern der Kriminalpolizei Bielefeld und weiteren Beamten aus Behörden in NRW zusammen. Außerdem hat die Bielefelder Polizei aus Neutralitätsgründen auch die Ermittlungen gegen die zwei Polizisten aus Lippe übernommen, bei denen der Verdacht der Strafvereitelung besteht.

Ziel der EK ist es, mögliche weitere Opfer und Tatverdächtige zu identifizieren und einen möglichen weiteren Missbrauch zu verhindern. Darüber hinaus werden weitere Beweise gesammelt. Aktuell werden die Kinderporno-Dateien ausgewertet und Befragungen und Durchsuchungen durchgeführt.

Polizei und Staatsanwaltschaft wollen regelmäßig über die Ermittlungsergebnisse berichten.

Die Polizei nimmt weiter Hinweise auf weitere mögliche Opfer entgegen. Die Beamten sind erreichbar unter:  05231 / 609 30 56 

Ein Fall, drei Staatsanwälte

Bei der Staatsanwaltschaft Detmold befassen sich mittlerweile drei Staatsanwälte mit dem Fall. Eine Staatsanwältin führt weiter die Ermittlungen gegen die drei tatverdächtigen Männer, eine weitere Staatsanwältin leitet die Ermittlungen gegen die beiden Polizisten aus Lippe und ein Oberstaatsanwalt übernimmt die Ermittlungen gegen die Jugendämter. Unbekannt ist, gegen wie viele Mitarbeiter der Jugendämter Lippe und Hameln-Pyrmont aktuell strafrechtlich ermittelt wird.

Die Staatsanwaltschaft Detmold will die drei Tatverdächtigen schnell vor Gericht bringen. Sie rechnet damit, dass schon bis Ende März Anklage erhoben werden kann. Das zuständige Gericht könnte die Hauptverhandlung dann im Sommer ansetzen.

"Ziel ist es, stringent durchzuermitteln" 

Ralf Vetter, Oberstaatsanwalt, Staatsanwaltschaft Detmold

Weil das Ausmaß der Vorwürfe so gewaltig ist und sich weitere Opfer melden könnten, kann die Staatsanwaltschaft Detmold nicht ausschließen, dass erstmal nur ein Teil der mutmaßlichen Taten zur Anklage gebracht werden.

 

 

 

 


Der Missbrauchsfall und seine Konsequenzen

Auch Landesregierung will Konsequenzen ziehen

Kreis Lippe

Der Kreis Lippe lässt seine Standards jetzt vom Landesjugendamt überprüfen, außerdem hat der Kreis eine Telefonberatung geschaltet und bietet bis März Beratungstermine im Lügder Rathaus an. Neben telefonischen Beratungen werden auch weitere Unterstützungsleistungen vermittelt. Außerdem sind in den Kitas und Schulen in Lügde Elternbriefe verteilt worden, die Tipps geben, wie sich Eltern in der aktuellen Situation verhalten können.

Polizei Lippe

Nach den vielen Ermittlungspannen im Missbrauchsfall von Lügde wird die Arbeit der Kreispolizeibehörde Lippe jetzt auf links gezogen. Strukturen und Abläufe in der Behörde werden von Experten des Landes auf Verbesserungsmöglichkeiten geprüft. Diese Untersuchung passiert auf Empfehlung des NRW-Innenministeriums – im Fokus stehen allerdings nicht die Ermittlungspannen im Fall Lügde, sondern die Polizeiarbeit in Lippe ganz allgemein, sagte uns ein Polizeisprecher.

Bei der Untersuchung werden alle Abteilungen der lippischen Polizei ins Visier genommen. Unter anderem geht es ums Personal. Wie ist das Personal verteilt? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus und wie gut ist das Personal überhaupt für die jeweiligen Einsatzbereiche qualifiziert? Aber auch der Umgang mit Asservaten, die Notwendigkeit von fünf Wachstandorten und die bisherige Bearbeitung beispielsweise von Sexualstraftaten werden beleuchtet. Kurz gesagt: Die komplette Arbeit der Polizei wird auf den Prüfstand gestellt. Ein Abschlussbericht soll bis Ende Mai vorliegen. Behördenleiter Dr. Axel Lehmann begrüßt die Prüfung: „Damit steigen wir in die langfristige Weiterentwicklung der Behörde ein“, wird Lehmann in einer Mitteilung zitiert.

NRW-Landesregierung

Die Landesregierung in NRW erwägt jetzt, einen Landesbeauftragten gegen sexuelle Gewalt an Kindern zu berufen oder eine beratende Kommission von Kommunen und Land einzusetzen. Ziel soll es sein, Minderjährige im Land besser vor sexueller Gewalt zu schützen.

"Wir müssen versuchen, dass wir so etwas Ungeheuerliches nicht mehr erleben"

(Joachim Stamp, NRW-Familienminister am 4.02.2019 in Düsseldorf)

Landesfamilienminister Joachim Stamp fordert darüber hinaus, dass die massenhaften mutmaßlichen Taten in vollem Umfang aufgeklärt werden. Außerdem müsste über die Rolle der Jugendämter gesprochen werden und nachgebessert werden, um Kinder künftig besser schützen zu können.

Bundesregierung

"Ein monströser Fall"

Johannes-Wilhem Rörig, zuständiger Beauftragter der Bundesregierung am 31.01.2019 im Westfalen-Blatt

Der Missbrauchsbeauftragte forderte einen Tag nach Bekanntwerden des Lügder Missbrauchsfalls im Westfalen-Blatt eine Meldepflicht für Internet-Provider. Wenn Internet-Anbieter auf kinderpornografisches Material stießen, sollten sie es dem Bundeskriminalamt melden.

Bislang kämen in Deutschland Meldungen zu Missbrauchsdarstellungen von Kindern vor allem vom US-Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder (National Center for Missing and Exploited Children, NCMEC), weil in den USA - anders als in Deutschland - eine gesetzliche Meldepflicht gelte.

Rörig forderte bereits im vergangenen Juni, dass deutsche Anbieter gesetzlich dazu verpflichtet werden, Verdachtsfälle auf Kinder- und Jugendpornografie an eine zentrale Stelle zu melden. 


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