Responsive image

on air: 

Tim Schmutzler
---
---
Nachrichten aus dem Kreis Lippe

Schlafen um jeden Preis

Schlafstörungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer wahren Volkskrankheit entwickelt. Wie es dazu kam, erkundet die Arte-Dokumentation «Schlafen um jeden Preis.»

Ein Patient mit Schlafstörungen wird im Campus Virchow-Klinikum der Berliner Charité untersucht. Foto: Thierry Robert/ARTE France/dpa

TV-Tipp

Berlin (dpa) - Weniger als sieben Stunden schläft der Durchschnittseuropäer heute pro Nacht. Vor 50 Jahren waren es noch achteinhalb Stunden.

Schuld daran ist unter anderem das LED-Licht, das uns Tageslicht vorgaukelt und so unsere innere Uhr verdreht. Aber auch falsche Ernährung und Bewegungsmangel tragen dazu bei, dass weltweit Hunderte Millionen Menschen unter Schlafstörungen leiden.

Die Dokumentation «Schlafen um jeden Preis», die der Kulturkanal Arte am Dienstag um 20.15 Uhr ausstrahlt, widmet sich einem Lebensbereich, in dem jeder Mensch in der Regel ein Drittel seines Lebens verbringt. Im Fokus der aufwendig gestalteten Produktion stehen zahlreiche Experten. Sie erklären unter anderem, wie und warum sich die Qualität des Schlafes im Laufe der Jahrzehnte geändert hat, was mit dem Körper beim Schlafen passiert und wie guter Schlaf gelingen kann.

So spannt der Film einen weiten Bogen, beginnend bei schlafstörendem LED-Licht, über schlafbringenden Reizstrom aus Elektrostimulatoren bis hin zu einem Schulexperiment zur Schlaferziehung. Auch Betroffene erzählen aus ihrem Alltag mit Schlafstörungen und wie sie versuchen, diesen zu entkommen.

«Der Lichtkonsum pro Kopf ist heute rund zehn Mal höher als vor 50 Jahren. Elektrisches Licht ist allgegenwärtig», sagt der amerikanische Schlafforscher Charles Czeisler. Blau angereichertes Licht von LED-Lampen suggeriert dem Gehirn, dass es taghell ist. Das stört den Schlaf-Wach-Rhythmus, wie es in der Dokumentation heißt. In den vergangenen 200 Jahren habe sich die innere Uhr des Menschen um durchschnittlich drei bis fünf Zeitzonen nach Westen verschoben.

«Das Licht dämpft die Müdigkeit, die normalerweise vor dem Schlaf eintritt», sagt der französische Schlafexperte Claude Gronfier. Schon bei sehr kleiner Lichtstärke schütte der Körper eine im Vergleich geringere Menge des Schlafhormons Melatonin aus. Die moderne Lebensweise der Menschen mit ständiger Bestrahlung durch Smartphones und Tablets sei dem Schlaf daher nicht förderlich, schlussfolgert Gronfier.

Aber nicht nur die ständige Berieselung mit künstlichem Licht, sondern auch falsche Ernährung trägt dazu bei, dass viele Menschen in der Nacht kein Auge zu kriegen. Die inneren Uhren in Leber, Bauchspeicheldrüse und Muskeln etwa synchronisierten sich nicht durch Licht, sondern durch Kalorienzufuhr, erklärt die französische Endokrinologin Eve van Cauter.

Die Stoffwechsel-Expertin erforschte den Einfluss des Essens auf die Qualität des Schlafs und fand heraus, dass beispielsweise ein hoher Blutzuckerspiegel die Schlafqualität negativ beeinflusst. «Je mehr wir zu den falschen Zeiten essen, desto schlechter schlafen wir. Und je schlechter wir schlafen, desto hungriger sind wir», heißt es im Film.

Welchen Einfluss körperliche Anstrengung auf die Qualität des nächtlichen Schlafes hat, untersuchte der französische Schlafforscher Damien Davenne. Seine Feststellung: Intensiver Sport wie etwa beim Squash sei für guten Schlaf eher hinderlich, im Gegensatz zu Ausdauersportarten, bei denen die Muskeln viel Sauerstoff verbrauchen.

«Ich liege sehr gern in meinem Bett, das ist himmlisch. Doch sobald ich das Licht ausmache, fängt der Alptraum an», sagt Natalie, während der Film sie im Schlafzimmerbett liegend vor ihrem großen Fernseher und mit Smartphone in der Hand zeigt. Die Pariserin leidet seit Jahren unter Schlafstörungen und nimmt jede Nacht Schlafmittel ein, sagt sie. Im Schlaflabor von Damien Leger lässt sie sich Elektroden am Kopf anbringen, die ihren Schlaf aufzeichnen. So will sie den Teufelskreis der nächtlichen Unruhe durchbrechen.

Weltweit leiden 600 Millionen Menschen unter Schlaflosigkeit, heißt es im Film. Nirgends in Europa würden so viele Schlafmittel eingenommen wie in Spanien und Frankreich. Die Bezeichnung Schlafmittel sei jedoch ein Schwindel, erklärt der französische Schlafforscher Patrick Lemoine. «Es handelt sich nicht um Schlaf, sondern um eine leichte Narkose.»

Am Ende der knapp eineinhalbstündigen Reise durch die Welt des Schlafs schließt der Film mit einer Empfehlung: Feste Zeiten für Essen und Schlaf, Sport treiben, abends von Bildschirmen und schädlichen Lichtquellen fernhalten.

© dpa-infocom, dpa:200925-99-704284/3