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Lars Niermann
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Smartphone_Display
Für mehr Sicherheit

Unwetter-Warnsystem "Cell Broadcast" bald auch in Deutschland

Frau tippt auf dem Handy

26. Juli 2021

  • Bei der Hochwasserkatastrophe wurde die Bevölkerung in NRW und Rheinland-Pfalz wohl nicht überall gleich gut gewarnt.
  • Nur noch 15.000 aktive Sirenen und u.a. nur 10 Millionen Nutzer der Warnapp Nina: Kritiker bemängeln die unzureichende Katastrophen-Information in Deutschland.
  • Cell Broadcast heißt ein weltweit erfolgreich genutztes Handywarnsystem per SMS, das nun auch in Deutschland eingesetzt werden soll.

Was Cell Broadcast kann

Plötzlich sendet unser Smartphone - oder auch unser altes Handy - einen schrillen Signalton aus. Gleichzeitig poppt auf dem Display eine SMS auf: Je nach (Katastrophen-)Bedarf beschreibt sie zunächst die Gefahr oder den Warnanlass. Anschließend werden wir als Empfänger informiert, was zu tun ist, um die Bedrohung z.B. in Form von Unwetter hoffentlich glimpflich zu überstehen. Diese Information darf höchstens 1.395 Zeichen haben, weiterführende Links kann sie beinhalten, Grafiken oder Bilder nicht. Die Cell Broadcast-Technik funktioniert bei allen Standards von 2G bis 5G. Sie informiert alle Mobilfunknutzer in einer Funkzelle, braucht aber keine Mobilfunknummern und kann in wenigen Sekunden Millionen Mobilfunknutzer erreichen. U.a. die USA, Russland und Kanada vertrauen schon auf diese einfache aber wirkungsvolle SMS-Warn-Technik. In Europa warnen z.B. schon die Niederlande, Großbritannien und Italien per Cell Broadcast. Viele weitere Staaten arbeiten aktuell an der Einführung. Deutschland gehörte bislang nicht dazu.
 

In Deutschland gibt es nur noch rund 15.000 aktive Sirenen. Das Handywarnsystem Cell Broadcast soll die Lücken schließen

Grünes Licht für Cell Broadcast in Deutschland!

Die furchtbare Unwetterkatastrophe hat in Deutschland aber offensichtlich nun zum Umdenken in Bezug auf Cell Broadcast Deutschland geführt. In einer Sondersitzung des Innenausschusses erklärte Bundesinnenminister Horst Seehofer, dass die Cell Broadcast-Technik eingeführt würde. Er räumte auch Widerstände in der Regierung ein, ergänzte dann aber, "ich habe entschieden, dass wir es tun und machen, da gibt es überhaupt kein vernünftiges Argument dagegen". Das in vielen Ländern schon bewährte Warnsystem soll die bisherigen Warnsysteme in Deutschland ergänzen. Im ARD-Hauptstadtstudio erläuterte Seehofer:

„Die Warnung der Bevölkerung muss klappen, auf allen Kanälen. Wenn man nachts geweckt wird, muss man sofort wissen, was passiert ist und wie man sich verhalten soll.“

Laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland soll Seehofer die Prüfung des Systems noch vor der Bundestagswahl in Aussicht gestellt haben.

Cell Broadcast schon 2022 in Deutschland?

Wie schnell dann die Umsetzung klappt, ist aktuell noch unklar. Das Innenministerium betonte laut tageschau.de, dass es keinen konkreten Zeitplan zur Einführung gäbe. Bis zu 18 Monaten schätzen Experten, würde der Umsetzungsprozess dauern können. Dabei müssen unterschiedliche Behörden wie die Bundesnetzagentur und das Bundesministerium für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz eingebunden bzw. jeweils ihr grünes Licht geben. Aber auch rechtliche Fragen müssen geklärt werden:

„Die Bundesregierung prüft derzeit, ob und ggf. unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen eine verpflichtende Einführung der Cell Broadcasting-Technologie erfolgen kann",

zitiert die Berliner Zeitung eine Stellungnahme dazu aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Dabei geht es u.a. auch um die Kosten von geschätzten 20 bis 40 Millionen Euro und wer sie bezahlen müsste.

Cell Broadcasting lange nicht gewünscht…

Bis zum jetzigen Meinungswandel hat Cell Broadcasting eher eine Art unselige Bürokratie-Geschichte zu verzeichnen. Sie begann Anfang der 2000er Jahre, als Deutschland die Technik für die Warnung per SMS abschaltete. Sie sei zu alt. 2016 wurde dann die bundeseigene Warn-App Nina als Alternative entwickelt. Sie wurde aber bislang nur knapp neun Millionen Mal runtergeladen. 2017 wollte dann die EU Cell Broadcast verpflichtend einführen, Deutschland wehrte sich dagegen:

„Eine Initiative nach der gegenwärtigen Formulierung des Europaparlaments birgt Rechtsunsicherheiten und Unsicherheiten mit Blick auf die Folgen für die betroffenen Anbieter. Viele Fragen müssen noch beantwortet werden",

zitiert die Berliner Zeitung aus Dokumenten zu der Entscheidung. Diese Bedenken scheinen sich aber angesichts der jüngsten Hochwasserkatastrophe aufzulösen. Für den Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo hat diese lange, verworrene „Cell Broadcast-Geschichte“ „drei niederschmetternde Gründe: lächerlichen Geiz, peinliche Parteipolitik der CDU und tödliche Besserwisserei.“ Sie sei damit ein Beweis „für die bittere deutsche antidigitale Realität, die in den vergangenen Tagen viele, viele Menschenleben gekostet haben dürfte.“


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