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Oliver Behrendt
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Müllentsorgung

Enshittification – Wie das Internet zur digitalen Müllhalde wird

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06. Mai 2024

„So sterben Plattformen: Zuerst sind sie gut für ihre User; dann missbrauchen sie ihre User um die Dinge für ihre Geschäftskunden zu verbessern; am Ende missbrauchen sie auch die, um ihren Umsatz zu steigern. Dann sterben sie.“

Der Journalist Cory Doctorow in wired.com zur Enshittification von TikTok

Eine große Verschlimmscheißerung

Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte. Seit das World Wide Web, der Grundstein des heutigen Internets, 1989 online ging, explodierten die User-Zahlen. Heute nutzen gut 5,3 Milliarden Menschen das Internet. Doch mit dem Erfolg wächst auch die Frage, wie sich das Netz entwickelt, besonders, wenn Techmonopolisten, soziale Medien und künstliche Intelligenz die Zukunft bestimmen. Der britische Journalist Cory Doctorow prophezeit: Es geht steil bergab. Seinen Beobachtungen gab er 2022 einen Namen: Die „Enshittification of the Internet“. Die Zeit übersetzte diesen Begriff mit „Verschlimmscheißerung“ des Internets. Doctorows Kritik am Zustand des Internets traf offensichtlich einen Nerv, „Enshittification“ wurde zu einem bekannten Begriff und von der American Dialect Society zum Wort des Jahres 2023 gekürt. Mit der wachsenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz nimmt diese Entwicklung noch mehr Fahrt auf.

Was ist die Enshittification?

Für Doctorow zeichnet sich bei Enshittification ein immer gleiches Muster ab. Erst locken große Techunternehmen – er beschreibt die Entwicklung am Beispiel von Amazon – ihre Kundinnen und Kunden mit günstigen Angeboten in Massen auf ihre Website. Mit weiteren speziellen Angeboten für Abonnentinnen und Abonnenten werden sie enger gebunden. Dann wechselt der Fokus. Auf einmal stehen nicht mehr die Userinnen und User im Vordergrund, sondern Werbepartner und Geschäftspartner. Die Folge laut Doctorow: „Amazon-Suchen bringen keine Ergebnisse auf Basis deiner Suche, sondern zeigen dir eine Liste mit Produkten, deren Verkäufer dafür bezahlt haben, dass sie dir angezeigt werden.” Die Plattformen verspielten so das Vertrauen ihrer User und gleichzeitig die Qualität der Ergebnisse – sie „verschlimmscheißern“ ihre eigene Plattform.

Auch Social Media ist vor Enshittification nicht sicher

Soziale Netzwerke sind genauso von Enshittification bedroht, wie Doctorow analysiert und viele Experten, die die Entwicklung im Internet ähnlich kritisch bewerten. Danach werden die Algorithmen, die wichtigsten Werkzeuge zur Lenkung der Userinnen und User immer weiter zu deren Ungunsten verändert. Statt den Usern zu zeigen, was sie sehen wollen, zeigen die Plattformen nun den Content, den sie aus Sicht ihrer Geschäftspartner sehen sollten. Doctorow hat deswegen auch eine negative Perspektive auf die weitere Entwicklung der sozialen Netzwerke wie TikTok: „Es ist zu spät, um TikTok zu retten. Nun wurde es von Verschlimmscheißerung infiziert, das einzige was wir tun können, ist, es mit Feuer zu töten!“

Wie KI Enshittification verschlimmbessert

Der Einfluss von KI auf das Internet beschleunigt diesen Prozess und verstärkt ihn. Die Journalisten Martin Fehrensen und Simon Hurtz schreiben deswegen in ihrem Social Media Watchblog in Bezug auf Enshittification: „Jetzt wird es Zeit, den Begriff zu weiten: Das Zeitalter der AI-Shittification hat begonnen.“ Der Gedanke dahinter: Das Internet wird heutzutage zunehmend geflutet mit einer Mischung aus künstlich generierten Texten, Bildern und Videos. Gleichzeitig basiert der Content, den die KIs generieren, nahezu ausschließlich auf Inhalten aus dem Internet. KIs haben aber kein reales Verständnis davon, was richtig und falsch, was „gut“ und „schlecht“ ist, sie erweitern ihre Datenbanken einfach mit Content und mischen ihn für neue Ergebnisse. Wächst nun der Anteil von KI-Content im Internet, entsteht eine Art Teufelskreis wie der Social Media Watchblog beobachtet: „KI lernt von sich selbst – und das ist Gift.“ Die Qualität der Antworten nimmt ab, es kann ein „sich selbst zersetzender KI-Feedback-Loop“ entstehen.

Es gibt auch Hoffnung

Die Entwicklung der AI-Shittification scheint ein nicht aufzuhaltender Prozess zu sein, der stetig voranschreitet. Doch die Autoren des Social Media Watchblogs sehen eine Chance: Während die Qualität von KI-Content abnehmen mag, werde die Wertschätzung und Nachfrage nach „realem“ Content von echten Creatorinnen und Creatoren wachsen. Sogenannter „Bio-Content“ sei auf Plattformen wie Wikipedia und Reddit zu finden. „Dort schreiben echte Menschen für Menschen.“ Für die Autoren und Autorinnen sind diese Plattformen nicht nur wichtig als „Trainingsmaterial für Sprachmodelle, sondern auch als essentielle Informationsquellen“.


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Eine Person die eine Computertastertur mit Maus bedient


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